Mütter in Teilzeit: die unterschätzte Kraft

Nach der Babypause entscheiden sich viele Mütter für ein Teilzeitmodell bei ihrem beruflichen Wiedereinstieg. Die Hälfte der Arbeitnehmerinnen in Österreich arbeitet in Teilzeit. Um sich auch um ihre Kinder kümmern zu können, nehmen sie dabei weniger Gehalt, weniger Verantwortung und weniger bis gar keine Karrierechancen in Kauf.

Von Vollzeit auf Teilzeit

Seit meinem Einstieg ins Berufsleben habe ich Vollzeit gearbeitet. Keine Sekunde dachte ich darüber nach, weniger zu arbeiten. Im Gegenteil, Teilzeitbeschäftigte wurden von mir belächelt. Mit der Geburt meiner Tochter hat sich meine Einstellung dazu geändert.
Mit meinem Wiedereinstieg nach der Karenz habe ich meine Arbeitszeit reduziert, um noch genügend Zeit mit meiner Tochter verbringen zu können. Und ich genieße diese Zeit so sehr! Ich weiß, ich werde nicht für immer in Teilzeit arbeiten, aber solange meine Tochter so klein ist, ist es mein Modell der Wahl.

Teilzeit ist weiblich und mütterlich

Laut Statistik Austria arbeiteten 2016 zehn Prozent der Männer und die Hälfte der Frauen zwischen 25 und 49 Jahren Teilzeit. Drei von vier Frauen haben Kinder unter 15 Jahren. Viele Frauen reduzieren ihre Arbeitszeit, um Familie und Beruf besser vereinbaren zu können. Eigentlich eine Win-Win-Situation für Arbeitnehmer, Arbeitgeber und die Wirtschaft – Frau bleibt berufstätig, hat ein eigenes Einkommen, ist versichert, bekommt (zwar weniger) Pension und hat dennoch Zeit, sich um die Familie zu kümmern. Ganz so einfach scheint es aber nicht zu sein:

Was sich als Teilzeit-Beschäftigte ändert

Fehlende Flexibilität als Arbeitnehmerin

Das ist Fakt. Meine tägliche Arbeitszeit ist durch die Öffnungszeiten des Kindergartens bestimmt. Mein Urlaub wird durch die Schließzeiten eingeteilt. Kinder werden krank, man fällt ungeplant von einer Minute auf die andere aus. Dienste mit Teilzeitbeschäftigten können schwieriger geplant werden. Die Verfügbarkeit ist eingeschränkt, bedingt durch die Betreuungspflichten. Auch Überstunden können von Teilzeitmitarbeitern schwieriger bewerkstelligt werden. Für Unternehmen sind das Nachteile gegenüber Vollzeitangestellten.
Was aber Mütter genau so schnell lernen wie effizientes Windelwechseln, ist der Aufbau eines Netzwerkes – aus Familie, Freunden, Babysitter und Nachbarn – um genau auf solche Eventualitäten vorbereitet zu sein.

Der Job ändert sich

Frauen haben nach der Rückkehr Anspruch auf ihren bisherigen Arbeitsplatz respektive einen gleichwertigen Arbeitsbereich – es macht keinen Unterschied ob in Teilzeit oder Vollzeit. Nicht jeder Job ist aber auch in Teilzeit möglich. Nicht jede Frau möchte nach der Karenz denselben Job zurück haben. Viele Frauen nehmen auch einen weniger anspruchsvollen Job in Kauf, um Familie und Beruf besser vereinbaren zu können – auch wenn sie überqualifiziert sind.

Die Arbeitszeit wird besser genutzt

In Studien wurde nachgewiesen, dass Teilzeitbeschäftigte effizienter und produktiver arbeiten. Das kann ich auch für mich bestätigen. Man versucht die zur Verfügung stehende Arbeitszeit so intensiv wie möglich zu nutzen – schließlich wartet der Nachwuchs bei Tagesmutter oder Kindergarten, endlich von uns abgeholt zu werden. Durch fehlende Pausen bringt man in weniger Zeit mehr weiter. An dieser Stelle höre ich Vollzeitbeschäftige protestieren, aber ich kenne beide Seiten und ja, es macht einen Unterschied!
Wer täglich unter sechs Stunden arbeitet, hat kein Anrecht auf eine Pause. Erst ab einer Arbeitszeit von mehr als sechs Stunden steht eine Pause von 30 min zu.
Als Teilzeitangestellte überlegt man sich somit jedes Mittagessen oder den Kaffee in der Küche; auch nimmt man weniger am Klatsch & Tratsch teil und verpasst eventuell auch wichtige Informationen. Für das so wichtige Netzwerken innerhalb von Unternehmen bleibt so weniger Zeit.

Was arbeitende Mütter sich wünschen

Frauen mit Kindern wollen auch arbeiten. Sie wollen auch Karriere machen, sie wollen weiterkommen, sie wollen gesehen und ernst genommen werden. Nur weil eine Frau ein Kind bekommen hat, ist sie bei ihrem Wiedereinstieg nicht schlechter qualifiziert oder weniger motiviert. Ja, sie mag weniger flexibel sein, sie mag öfter ausfallen – aber ihr Wissen, ihre Erfahrung und ihr Können sind dasselbe wie vor der Geburt der Kinder. Was könnten Unternehmen also tun, um Müttern – vor allem auch gut qualifizierten – einen dementsprechenden Arbeitsplatz zu ermöglichen: Stichwort flexible Arbeitszeiten – Homeoffice, Vertrauensarbeitszeit oder Job-Sharing.

Stichwort Vertrauensarbeitszeit

Im Vordergrund steht bei diesem Modell nicht die gearbeitete Zeit, sondern die erbrachte Leistung. Frei nach einer Werbung darf man mehr oder weniger arbeiten, wo man will, wie man will, wann man will – aber die Leistung muss stimmen. Es gibt keine Stechuhr, keine Anwesenheitspflicht. Kombiniert mit der Möglichkeit des Homeoffice ergibt sich so ein extrem flexibles Arbeitsmodell, das einer Mutter mit Kind sehr entgegenkommt.

Stichwort Homeoffice

Homeoffice oder Telearbeit ist nicht in allen Berufen möglich. Wenn es jedoch gewährt wird, bringt es vor allem auch mehr Loyalität zum Arbeitgeber, da Homeoffice als Wertschätzung und Vertrauen in den Mitarbeiter gilt.
An Homeoffice-Tagen erspare ich mir im besten Fall 90 Minuten Autofahren und durch die Ruhe zu Hause bringe ich in meiner Arbeitszeit viel mehr weiter als in einem Großraumbüro mit 10 anderen Kollegen.
Leider gilt in vielen Unternehmen noch immer die Denke „Anwesenheit ist gleich Produktivität“. Es mangelt an Vertrauen gegenüber dem Arbeitnehmer, auch zu Hause zu arbeiten und nicht blau zu machen.
Ich hoffe, dass diesbezüglich mehr Unternehmen offener werden! In den USA – siehe zum Beispiel Yahoo – kann man im Gegensatz zu Europa wieder einen Trend weg von Homeoffice beobachten. Leider. Denn ich schätze die Möglichkeit des Homeoffices sehr.

Stichwort Job-Sharing

Was ich mir in Österreich viel mehr wünschen würde, ist Job-Sharing!
Zwei Angestellte teilen sich einen Vollzeitjob mit gemeinsamer Verantwortlichkeit und Aufgaben und organisieren sich selbstständig. Für Unternehmen brächte diese Möglichkeit einen enormen Vorteil, da gerade in höheren Positionen oder Führungspositionen Teilzeitarbeit als unmöglich erachtet wird. Mit Jobsharing – oder in diesen Fällen Topsharing – teilen sich qualifizierte Fachkräfte einen Job in Teilzeitarbeit. So ist im Idealfall immer ein Teil des Tandems verfügbar und auch im Krankheitsfall oder Urlaub ist immer jemand da. Auch wenn ein Teil des Tandems ausscheidet, geht das Know-How nicht verloren, sondern der neue zweite Teil des Tandems kann eingeschult werden.

Umdenken für Teilzeit-Mütter!

Es wäre zu hoffen, dass diese Arbeitsmodelle mit dem Wandel der Gesellschaft und der Arbeitswelt – Stichwort Generation Y, Fachkräftemangel und geburtenschwache Jahrgänge – gerade für besser qualifizierte Mütter, die auch noch Zeit mit ihren Kindern verbringen möchten, interessanter wird. Die Wirtschaft wird auch Teilzeit-Mütter brauchen!

Denn seien wir doch ehrlich, egal wie qualifiziert und erfahren Frau vor der Karenz war, als Teilzeit-Angestellte nehmen die Karrierechancen ab oder verschwinden völlig. Unternehmen setzen Leistung noch immer mit Anwesenheit gleich und besonders höhere Jobs oder gar Führungsverantwortung sind nur mit einer 60 Stunden-Woche oder mehr machbar.

Liebe Unternehmen, Teilzeit-Mütter können und wollen mehr. Denkt um – Möglichkeiten gäbe es viele!

Inspiriert durch ein Interview mit Barbara Widerhofer,
Elterncoach http://www.barbara-widerhofer.at/

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