Bin ich eine Rabenmutter?

Ich bin eine Mama, die nach einem Jahr Karenz wieder in den Job zurückgekehrt ist. Und ja, es war und ist nicht immer leicht. Meine Gedanken rund um den Wiedereinstieg und wie es mir jetzt, über ein Jahr später, damit geht.

Überlegungen vor der Geburt…

Schon als ich schwanger wurde, war mir klar, dass ich nicht lange in Karenz bleiben würde. Ich hatte einen Job, der mir Spaß machte, der mich forderte, den ich mir erarbeitet hatte und nicht zuletzt war unser Lebensmodell auf zwei Einkommen aufgebaut.
In der Schwangerschaft war ich noch der festen Überzeugung: „In einem Jahr bin ich wieder Vollzeit da, keine Problem, das mache ich schon!“ Auch der Rat älterer Kolleginnen bestätigte mich mit einem baldigen Wiedereinstieg in Vollzeit, alles andere sei nicht machbar und der Karriere nicht zuträglich: Als Teilzeit-Angestellte wird man nicht ernst genommen, fehlt bei wichtigen Meetings, leidet unter zu wenig Informationen, die Karriere ist vorbei – das waren ihre Aussagen.

Ich plante also mit einer Krippe, zusätzlich einem Babysitter (oder sogar zwei), meinem flexiblen Mann und der Oma. Als Schwangere erschien mir das alles problemlos machbar. In anderen Ländern gehen doch Frauen noch früher zurück in den Job und die schaffen das auch. So ähnlich lautete mein Mantra.
Auch meine Mutter ging nach einem Jahr wieder zurück in den Job. 1980 noch Vollzeit, die Option mit Teilzeit war damals noch nicht gegeben. Ich kam als Einjährige zu einer sehr liebevollen Tagesmutter, die bis weit in mein Erwachsenenleben hinein eine Ersatz-Oma für mich war. Ich kann mich nicht erinnern, dass mir meine Mama damals fehlte.

Meine Familie und deren Ratschläge und Meinungen waren zweigeteilt – einerseits meine Mutter, die nach einem Jahr Karenz wieder Vollzeit zu arbeiten begann, andererseits Tanten und Cousinen, die Vollzeitmamas sind. Es gab viele Gespräche, mühsame Diskussionen – Ratschläge, die mir Mut machten und auch solche, die in mir Bedenken auslösten.
Auch aus dem Freundeskreis gab es unterschiedliche Rückmeldungen und Ratschläge „bleib doch lange daheim“ oder „ich steig auch wieder früh ein, das geht schon“. Am meisten traf mich die Aussage einer Bekannten „Wofür bekommst du ein Kind, wenn du wieder arbeiten gehen willst?“…

…ändern sich im Laufe der Karenz

Als jedoch das Karenzjahr seinen Lauf nahm und der Wiedereinstieg immer näher rückte, kamen Bedenken. Ich liebte es so sehr Mutter zu sein, genoß das Zusammensein mit unserer Tochter. Gerade gegen Ende des ersten Lebensjahres passiert so viel, jeden Tag lernte meine Tochter etwas Neues.

Ich hatte mich mittlerweile auch viel mit Attachement Parenting befasst und auch einige Elemente in unserer Familienleben integriert. Ich stillte nach Bedarf und lange, wir haben ein Familienbett, wir haben unsere Tochter vorwiegend getragen. Vom Tragetuch, über Marsupi bis zum Ergobaby – unsere Tochter hat sich wohlgefühlt, Hauptsachen viel Nähe zu Mama und Papa. Und nicht nur einmal musste ich dann in dieser Zeit lesen, dass eine frühe Trennung von den Eltern ganz schrecklich und schlimm sei, die Bindung zerstöre und die Kinder schon fast traumatisiere… Solche Lektüre war meiner Stimmung oft nicht wirklich zuträglich und machte mich traurig. Dann las ich wieder über das Gegenteil, dass eine berufstätige Mutter positive Auswirkungen auf die Entwicklung des Kindes habe und es vor allem um Qualität in der Zeit mit Kindern geht und nicht um Quantität – und war wieder frohen Mutes!

Ich bin eine Rabenmutter

Zumindest fühlte ich mich so. Ich fühlte mich wie eine seltene Spezies – die Rabenmutter, die nach einem Jahr in den Job zurückkehrt und das arme, arme Kind bei „jemandem Fremden“ lässt. Familienmitglieder und Freunde, die länger bei ihren Kindern daheim geblieben waren und mich fragten, wie ich das nur aushalten würde, mein kleines Kind schon so früh „wegzugeben“, machten es mir nicht leichter.
Andererseits freute ich mich aber auf meinen Job, wieder „Frau sein“, wieder mit Erwachsenen zu sprechen und wieder andere Themen im Leben zu haben als Babybrei und Windeln.

Wusstet ihr, dass der Begriff „Rabenmutter“ eine deutsche Eigenheit ist? In keiner anderen Sprache gibt es diesen Ausdruck. Wenn man sich mit Raben beschäftigt, stellt sich aber sehr schnell heraus, dass diese sich aufopferungsvoll um ihre Jungen kümmern und der Ausdruck gar nicht passt. Geprägt wurde dieser Ausdruck wohl durch eine Bibelstelle, die fälschlicherweise falsch interpretiert wurde. Und wenn wir schon dabei sind, habt ihr schon von Rabenvätern gehört, die eine Woche nach der Geburt sogar wieder arbeiten gehen…?

Trotzdem gingen mir in dieser Zeit sehr viele Gedanken durch den Kopf, ich fragte mich oft, was denn das Beste für meine Tochter sei, für mich, für meinen Mann, für uns als Familie.

Die Rückkehr in den Job

Nach einem Jahr Karenz war es dann soweit – zurück in den Job. Ich startete die ersten drei Monate mit 10 Stunden in der Woche. In dieser Zeit kümmerte sich mein Mann um unsere Tochter, das klappte gut. Die erste Krippe stellte sich leider als Fehlgriff heraus (dazu in einem anderen Artikel mal mehr), bei der Tagesmutter klappte es dann besser. Als unsere Tochter 16 Monate alt war, startete ich mit 30 Stunden, jeden Tag sechs Stunden. Mein Mann brachte unsere Tochter zur Tagesmutter, ich beendet meinen Arbeitstag um 14 Uhr und holte sie um spätestens 14.30 Uhr ab. Dann gehörte ich ganz meiner Tochter und holte jede Kuscheleinheit nach! Es kam und kommt noch immer vor, dass ich abends, wenn sie schläft, noch weiterarbeite.

Mittlerweile sind wir in einem tollen, sehr liebevollen Kindergarten angekommen. Unsere Tochter geht gerne hin und ich kann befreit jeden Tag arbeiten gehen, mittlerweile fast Vollzeit. Ich brauche mir keine Sorgen mehr zu machen, dass es meiner Tochter nicht gut geht.
Ja, es gibt mir manchmal einen Stich, wenn ich auf Instagram Fotos von Müttern sehe, die im Winter gleich nach dem Mittagessen rodeln oder im Sommer früh schwimmen gehen. Die die ganzen Sommerferien daheim sind und sich nicht um Sommercamps kümmern oder Ferienbetreuung organisieren müssen. Die keinen Hort benötigen.

Aber ich weiß auch, als Vollzeitmama wäre ich nicht glücklich. Ich wäre zu wenig gefordert, mir würde die berufliche Anerkennung fehlen.
Unsere Familie hat einen anderen Weg gewählt. Ich hoffe, dass unsere Tochter diesen rückblickend gutheißen wird. Und stolz ist auf ihre berufstätige Mama.

7 Gedanken zu “Bin ich eine Rabenmutter?

  1. kliniktasche.net schreibt:

    Ein Artikel, der wahrscheinlich vielen Müttern aus der Seele spricht.
    Doch ich kann mich Julia nur anschliessen. Und – eine Rabenmutter würde sich solche Gedanken gar nicht machen. Auch wenn das „Mutter-Sein“ einen großen Teil des Lebens ausfüllt, so gibt es doch noch weitere Facetten des Alltags (Partner, Freunde, Beruf, sonstige Verpflichtungen). Gelingt es, eine Balance zwischen allen Facetten herzustellen, ist das die Basis zur Zufriedenheit.

    Sommercamps, Hort und Ferienbetreuung dürfen m.E. nicht als „Abschiebemaßnahme“ angesehen werden. Im richtigen Verhältnis zur gemeinsamen Zeit mit Mama und Papa, ist es für die Kleinen eine soziale Bereicherung: Es können andere Eindrücke gesammelt werden, neue Lieder, Spiele und Verhaltensnormen kennengelernt werden. Das richtige Maß ist hier der Stichpunkt.

    Danke für den tollen Gedankenanstoß!
    Stefanie

    Gefällt 1 Person

    • mamawirtschaft schreibt:

      Danke für dein Kommentar! Überhaupt „eine Rabenmutter würde sich solche Gedanken gar nicht machen“ – da gebe ich dir recht! Mir ist die Qualität der Zeit sehr wichtig, das macht sicher einen Unterschied für unsere Kinder!

      Gefällt mir

  2. Julia schreibt:

    Ich kenne das. War bei mir so ähnlich. Um deine Frage zu beantworten: Nein, du bist keine Rabenmutter. Denn es geht ja auch um deine Bedürfnisse und kein Kind will, dass seine Mutter diese ignoriert oder sich aufopfert. Ich finde es viel wichtiger meinen Kindern ein gutes Vorbild zu sein, in dem ich auch auf mich schaue.

    Danke für deinen Einblick! Alles Liebe Julia

    Gefällt 1 Person

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